Der Bildersturm von Horgen

Die Junioren und Juniorinnen des Fussballclubs werden zu Stickerstars – so wie ihre Idole

Text & Bild aus der SonntagsZeitung 29. September 2019

Chris Winteler Horgen ZH «Jeder Fussballer träumt doch davon, einmal im Panini- Album zu erscheinen», sagt Juniorenobmann Pascal Wintermantel. Im FC Horgen ist die Erfüllung dieses Traums nicht länger daran geknüpft, es bis zum Fussballprofi gebracht zu haben. Ganz nach dem klassischen Vorbild des Panini-Albums werden die Nachwuchskicker an diesem Samstag im September professionell fotografiert – ab Mitte November können die Fotos als Abziehbildchen gekauft, getauscht und ins Sammelheft geklebt werden. Rund ein Dutzend Schweizer Clubs hat bereits ein eigenes «Stickerstars »-Sammelalbum produzieren lassen, darunter der FC Wettingen, der FC Frick oder der EHC Olten. Viele werden folgen. Denn die innovative Geschäftsidee des Berliner Start-ups Stickerstars ist vor zwei Wochen in der deutschen TV-Show «Die Höhle der Löwen» einem Millionenpublikum vorgestellt worden.

Die Idee: Jeder Sportverein kann Stickerstars mit dem Erstellen eines Sammelheftes beauftragen – kostenlos. Finanziert wird das Album vom lokalen Supermarkt – in der Schweiz sind es die Spar-Filialen –, welcher das Album und die Klebebilder zehn Wochen lang verkauft. Und sich dadurch mehr Kunden verspricht. Bisher hat Stickerstars innert vier Jahren für über 500 Vereine Alben hergestellt und einen Umsatz von 6 Millionen erzielt. Seit dem TV-Auftritt hätten sich die Anfragen auch aus der Schweiz vervielfacht, sagt Julius Herzberg von Stickerstars.

Auch bei der Frisur wird Ronaldo nachgeeifert

Fotoshooting auf dem Trainingsgelände des FC Horgen hoch über dem Zürichsee: 22 Juniorenteams, rund 350 Spielerinnen und Spieler im Mannschaftsdress, warten auf ihren Einsatz. Projektleiter Matthias Kost, Allzweckwaffe im Team der Senioren 40+, spricht von einer «generalstabsmässigen Organisation». Nur wenige Kinder und Jugendliche wollten sich nicht fotografieren lassen, sagt Kost, «sie werden es wohl bereuen, nicht auch im Album Teil der Mannschaft zu sein».
Diszipliniert warten die Nachwuchskicker, bis sie aufgerufen werden. Die Jüngsten sind erst sechs Jahre alt, die Fussballhose reicht einigen fast bis zu den Knöcheln. Die Frisur sitzt, viele Jungs waren extra beim Coiffeur – Cristiano Ronaldo scheint auch punkto Haarschnitt das grosse Vorbild zu sein. Der Fotograf gibt Anweisungen für das Brustporträt: langes Haar hinter die Schultern, damit das Clubemblem (weisser Schwan mit Ball) zu sehen ist, frontaler Blick in die Kamera, lächelnd oder ernst. Die älteren Burschen schauen eher grimmig drein – es wird die Horgner «Grinta» sein. Manche Mädchen pressen die Lippen zusammen, andere zeigen die Zahnspange. Ein verletzter Junior wird in einem Kinderbuggy herangeschoben, unter frenetischem Applaus seines Teams hievt er sich aus dem Wagen, posiert – und wird wieder weggekarrt. Eine Persiflage auf die verhätschelten Profikicker? Aber alle sind stolz, wie ihre Vorbilder in Szene gesetzt zu werden.
Die meisten FC-Horgen-Kids sammeln während einer Fussball- WM die Panini-Bildchen – die Schweiz gilt als der beste Panini- Markt der Welt. Ben Wintermantel, 12, Vorbild ist Torhüter Hugo Lloris, findet das Stickerstars-Album noch besser als das Original, «weil unser Verein drin ist, weil ich fast alle Spieler persönlich kenne». Len Zürcher Kägi, 11, Vorbild Verteidiger Virgil van Dijk, sagt: «Später wird mich das Album daran erinnern, mit wem ich zusammengespielt habe – und wie wir damals ausgesehen haben.»
Alle Teammitglieder werden im Album abgebildet, egal ob sie einen Stammplatz haben oder auf der Ersatzbank sitzen. Ob Verteidigung oder Sturm, Positionen werden nicht erwähnt, «sonst hätte jede Mannschaft elf Stürmer», sagt der Juniorenobmann. Einzig der Goalie wird am andersfarbigen Trikot erkennbar sein. Die erwachsenen Spieler, von der ersten Mannschaft bis zu den Senioren 50+, sind nur auf Teambildern vertreten. Wohl zum Bedauern der Spielerfrauen, die auch ganz gern die Bildli ihrer Männer getauscht hätten.

Beim «Bildlitüüschle» noch besser kennen lernen

Das Album plus fünf Stickerpacks wird für sieben Franken (zwei Franken gehen an den Verein) verkauft. Viel Geld wird der FC Horgen damit nicht verdienen. Einzig Werbeanzeigen lokaler Firmen spülen ein paar Franken in die Juniorenkasse – laut Projektleiter Kost waren die Inserateseiten im Heft allerdings innert Kürze vergeben. Aber das Finanzielle ist sowieso sekundär: «Wir sind ein innovativer Verein, mit Stickerstars wollen wir die Identifikation mit dem FC Horgen noch mehr stärken.»
Bildchen von Mädchen und Buben, im Fünferset für einen Franken im Spar zu kaufen, ist das nicht heikel? «Zuerst war ich wie viele andere Väter und Mütter skeptisch», sagt Christian Heusser, Vater von Joya, 10, und Leonie, 14, sowie Trainer der D-Juniorinnen. «Was passiert mit den Fotos unserer Kinder, wie gross ist die Gefahr, dass die Bilder missbraucht werden? » Aber auch er findet das Projekt originell, glaubt, dass das Album den Club zusammenschweisst, dass man sich beim «Bildlitüüschle» noch besser kennen lernt. Man hofft auf ein Dorf im Sammelfieber – bis alle Heussers, Kägis und Wintermantels in den Alben ihren Platz gefunden haben.

Text & Bild aus der SonntagsZeitung 29. September 2019